Verband deutscher Zinnfigurenfabrikanten, Sitz Nürnberg - Seite 7
Fortsetzung der Abschrift "Ein Stück Nürnberger Tand im Kampf um Sein oder Nichtsein" (1934)
So war das Anlernen, das im Zinnfiguren-Gewerbe keine eigentliche Lehrzeit im vollen Sinne erfordert, nahezu kostenlos. Dazu belastet das englische Steuersystem die Klein- und Mittel-Industrie nicht höher als andere Staatsbürger. Eine besondere Gewerbesteuer wie bei uns mit ins vielfache gehenden Kreis-, Gemeinde- Kirchen- und andere Umlagen hat schwerlich eine andere Export-Industrie zu entrichten. Zu dieser Steuerlast kommen aber noch die Soziallasten: Unfall-, Kranken-, Alters-, Angestellten-, Arbeitslosen- etc. Versicherung. Die Soziallasten belaufen sich durchschnittlich auf 20 % der Lohnsumme für den Arbeiter, d. h. die Löhne sind dadurch um 1/5 höher denn anderweit. Steuern und Sozialbeiträge des Arbeitgebers erfordern weiter in der Zinnfiguren-Industrie 20 - 50 % des Reinertrags, so daß unter Umständen der Fabrikant ebensoviel an die öffentliche Hand abzuliefern hat als er für sich und seine Familie verbrauchen darf. Im Lichte dieser Tatsachen ist der Sieg des Londoner Wettbewerbs wahrlich nicht verwunderlich.
In keiner Weise soll hiermit etwas gegen unsere Sozialversicherung gesagt sein; Deutschland ist stolz auf die Segungen derselben; aber ein gut Stück nationaler Arbeit ist ins Ausland gewandert und bis heute noch nicht ersetzt. Und warum muß die Belastung gerade auf jene Gewerbe am schwersten fallen, die wie die Zinnfiguren-Industrie bei der Handarbeit geblieben sind. Wo Maschinenbetrieb die Hände und die Arbeiter in großer Zahl überflüssig gemacht hat, sind entsprechend der geschwundenen Arbeiterzahl auch die Soziallasten gemindert; wo etwa nur 10 Leute an der Maschine schaffen, statt sonst 50 oder 100 in Handarbeit, sind die Soziallasten nicht mehr ausschlaggebend. Ist die Begünstigung der großen meist kapitalreichen Industrien mit Maschinen gegenüber den Handarbeitenden wirklich sozial?
Krieg und Kriegsfolgen haben weiterhin die Ausfuhrmöglichkeit gewaltig eingeschränkt; der große russische Markt ist gänzlich dahin; die Nachfolgestaaten sind finanziell derartig schwach, daß sie trotz aller noch vorhandenen Neigung als Käufer kaum in Betracht kommen. Valuta-Dumping, Zollmauern, Kontingentierung, schikaneuse Bestimmungen, Bekämpfung aller fremden Waren auf allen Seiten!
Es fehlt nicht an Bestrebungen die von Grund aus deutsche Zinnfiguren-Industrie in den verschiedensten Ländern nachzuahmen; kurzsichtige deutsche Volksgenossen haben dabei leider mitgeholfen. Ist auch mit Ausnahme der Londoner Konkurrenz ein überragender Erfolg noch nicht erzielt worden, so ist doch ein recht beachtlicher und bedrohlicher Wettbewerb im Ausland vorhanden.
Ein schweres Hindernis bildet die Devisennot; am Beratungstisch und am Bankschalter mögen Fachkundige diese stets wachsende und wechselnde Menge von Vorschriften mit wenig Beschwerden bewältigen; der Auslandskäufer indes, der sich durch dieses Paragraphengestrüpp winden soll: wie, wann und wo er den deutschen Lieferer zahlen soll und darf oder nicht darf, wird unwillig, flucht auf die "Germans" und kauft etwas anderes als etwa gerade deutsche Zinnfiguren. Doch ist noch nicht alles verloren. Die deutsche Arbeit hat sich so viele Freunde erworben und ist in Vielem dem Wettbewerb voraus. Es brauchte nur etwas Erleichterungen in all den Bedrängnissen des Auslandshandels und der deutsche Zinnsoldat könnte den Vormarsch antreten und mansches verlorene Gebiet wieder gewinnen. Es ist bezeichnend, daß die Bestrebungen der französischen Konkurrenz im Versailler Friedensdiktat, den Deutschen die Herstellung von Zinn- und Bleisoldaten überhaupt zu verbieten, nicht durchgedrungen sind; wenn wir richtig unterrichtet, auf englischen Einspruch hin. Soll aber die Zukunft nicht rettungslos verbaut sein, so ist mehr Bewegungsfreiheit nötig, mit gebundenen Händen ist nicht wohl zu kämpfen; der Gott des Handels, Merkur, trägt nicht umsonst Flügel. Nur mit schweren Mühen, mit unendlichem Fleiß, Geduld und Opfern ist er einzufangen, aber ungemein leicht zu vertreiben; zum wenigsten gilt dies für allen Nürnberger Tand. Für ihn waren Jahrzehnte schwerer Arbeit nötig um ein Welthandelsartikel zu werden; wenige Jahre und ein Krieg reichten hin um die Arbeit von Geschlechtern auf einen Raum zusammen zu drängen, zu klein zum Leben, zu groß zum Sterben.
Billige Ware - Schleuderpreise
Wer kauft Bleisoldaten? Da ist zunächst der blonde, aufgeweckte Junge, ein armer Teufel oft, aber als echter Deutscher voll Liebe für Alles, was mit Wehrhaftigkeit und Soldaten zusammenhängt. Alle Bemühungen internationaler Pazifisten haben daran auch in den rötesten Zeiten nichts zu ändern vermocht. Pfennigweise spart so ein Junge ein Kapital von 5 oder gar 10 Pfennige zusammen und kauft nun "Reihensoldaten". Die sind nicht gerade schön, aber die Phantasie umkleidet sie mit allem Zauber. Mit ihnen schlägt der Junge seine Schlachten, baut seinen Propaganda-Marsch auf, besiegt den bösen Feind; er belegt seine Offiziere mit den Namen seiner Helden. Die unscheinbarste Figur gibt seiner Gestaltungskraft die weitgehendsten Möglichkeiten. Schön wäre es freilich, man könnte auch den ärmsten Jungen gute, künstlerisch ausgeführte Ware bieten, aber für 5 Pfg.? Im Großhandel, der nicht zu umgehen, wird für die einzelne dieser Figuren im besten Fall noch nicht 0,3 sage drei Zehntel Pfennige bezahlt. Die Figur ist handgegossen, das erfordert für die Reihe mit 5 Figuren vier Handgriffe; nur ganz notdürftig bemalt erfordert das Groß Figuren 984 Pinselstriche. Versuche man einmal sich klar zu machen, was diese Ziffern besagen! Es sind Figuren herausgekommen, welche am Arm die rote Parteibinde mit einem weißen Kreis oder Fleck aufweisen, d. h. 288 Pinselstriche je Groß erfordern; dabei sind diese Figuren beanstandet und verboten worden, weil die Parteibinde kein ordnungsgemäßes Hakenkreuz aufwies. Die Aufmalung eines solchen erfordert weiter allermindestens 288 sehr genaue und sorgfältige Striche, also zusammen 1560 Pinselstriche für nicht 50 Pfg. Großhandelspreis. Auch der gewürfelteste und flinkeste Arbeiter muß daran scheitern. Es ist dies nicht die einzige einschnürende und erstickende Bestimmung; aus naheliegenden Gründen soll hier nicht Alles im Einzelnen dargelegt sein. Das Schlimmste dabei ist, daß diese Bestimmungen nicht gleichmäßig im ganzen Reich gelten. Was an einem Fabrikationsort verboten, ist in anderen Gauen ohne Weiteres gestattet, ohne jede Beanstandung. Gewiß ist alles wohl begründet und in Übereinstimmung mit Gesetz und Vorschrift, gewiß ist aber auch, daß der betroffene Hersteller schließlich direkt verzweifelt, bei dem Jammerpreis der Ware ist er ohnehin gewiß nicht auf Rosen gebettet und eher alles andere als ein Profitschlucker. Aber warum soll gerade der arme Junge seine Soldaten nicht haben?
Auch bessere Export- und Großhandelsware ist vom gleichen Elend ergriffen. Der Handel will und muß verdienen, wenn er leben will; er greift sehr oft nach dem billigsten Artikel. Der Wettbewerb unter den Zinnfigurenherstellern ist ihm weit, ach sehr weit entgegen gekommen; es wurde gespart so viel wie möglich. Figuren entstanden mit mächtig langen Beinen, unverhältnismäßig langen Gewehren um eine "große" Figur vorzutäuschen; dagegen wurde der Rumpf und namentlich der Pferdeleib überaus dünn, schmal, schmächtig, um Material zu sparen. Alle Bemühungen auf einen einigermaßen auskömmlichen Preis sich zu vereinigen sind gescheitert. Noch in letzter Zeit ist die redliche, heiße Arbeit der führenden Stelle mißlungen an dem Widerstand eines Einzigen; selbst der Rechtsweg auf Grund der neuesten Gesetze hat versagt; und wer alle unterbietet, der hat den Handel, die Anderen können zusehen.
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